9. Dezember

„Bitte warten Sie hier!“ sagte ich zu dem Blinden und liess ihn an einer verkehrsgeschützten Ecke des Bahnhofs allein. Ich wollte ihm das Gewühl ersparen auf dem Weg zum Schalter, zur Auskunft, zur Post. Zurückkehrend sah ich ihn schon von Weitem stehen, während die Menschen an ihm vorbeihetzten, ein Kind ihn anstarrte, ein Gepäckkarren einen Bogen um ihn fuhr und ein Zeitungsverkäufer nach einem vergeblichen Angebot fast scheu wieder von ihm wegging.

Er stand ganz still, der Blinde, und auch ich musste ein paar Augenblicke stehenbleiben. Ich musste sein Gesicht ansehen. Die Schritte um ihn her und die unbekannten Stimmen und all die Geräusche eines lebhaften Verkehrs schienen für ihn keine Bedeutung zu haben. Er wartete. Es war ein ganz geduldiges, vertrauendes und gesammeltes Warten. Es war kein Zweifel auf dem Gesicht, dass ich nicht wiederkommen könnte. Es war ein wunderbarer Schein der Vorfreude darin; er würde bestimmt wieder bei der Hand genommen werden.
Ich kam nur langsam los vom Anblick dieses eindrucksvoll wartenden Gesichts mit den geschlossenen Lidern. Dann wusste ich auf einmal: So müsste eigentlich das Adventsgesicht der Christen und Christinnen aussehen!

nach Willi Hoffsümmer (Hg.), Kurzgeschichten 2, Matthias-Grünewald-Verlag, 91994, S. 12f.
Geschichte ausgewählt von Tonja Jünger, Heimseelsorgerin

Zurück

Hinterlassen Sie einen Kommentar